Kostümierung im Wandel der (Faschings-)Zeit

Fasching, Karneval, Fastnacht, Fassenacht, Fastelovend oder auch die fünfte Jahreszeit – vielfältig sind die Namen und Bräuche, die dieser besonderen Zeit im Jahr zugeschrieben werden. Ebenso vielfältig sind auch die Kostüme, die allerorts getragen werden. Allerdings findet diese betreffend in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr ein Umdenken in der Gesellschaft statt. Während es in der Vergangenheit gängig war sich als ‚I-Wort‘ (wir wollen keine Reproduzierung von Rassismus, deshalb werden einige Begriffe nicht ausgeschrieben), Scheich und ‚E-Wort‘ zu verkleiden oder sich mit Afrolook-Perücke, schwarz geschminkten Gesicht (Blackfacing) und Bastrock zu schmücken, werden heutzutage in Bezug auf Kostüme dieser Art schnell kritische Stimmen laut. Die Kostüme seien, laut Marianne Bechaus-Gerst, rassistisch und nicht politisch korrekt. Auch andere Kostümierungen gelten als umstritten, beispielweise solche, die als überholt geltende Geschlechterrollen widerspiegeln. Dennoch werden vor allem die Kostüme, die Merkmale ethnischer Zugehörigkeit nachahmen, kontrovers diskutiert.

Traditionell betrachtet, so Gudrun König, dient die Faschingszeit dazu, „religiöse, erzählerische, feudale oder politische Travestien“ aufleben zu lassen. Jede Person kann in eine beliebige Rolle schlüpfen, wodurch auf gewisse Weise eine Gegenwelt zur Realität gezeichnet wird. Unter anderem darauf rückführend berufen sich viele Menschen auf die Faschingszeit als unpolitische Zeit. Dennoch spiegeln Faschingskostüme zugleich „Stimmungen und Aneignungen gesellschaftlicher Diskussionen“ wider (ebd.). Mit anderen Worten, die Faschingszeit drückt den gegenwärtigen Zeitgeist aus und kann somit auch als Spiegelbild der Gesellschaft betrachtet werden (ebd.). Dementsprechend können aktuelle Debatten, die sich mit Themen wie kultureller Aneignung und Diskriminierung befassen, nicht von der Faschingszeit ausgenommen werden. Kulturelle Aneignung bezeichnet, anlehnend an Susan Scafidi, die Übernahme von geistigem Eigentum, kulturellen Ausdrucksformen, Artefakten, Geschichte oder Wissensformen anderer Kulturräume (Siems 2019, 409). Für Mathias Siems wird kulturelle Aneignung problematisch, wenn entweder die Ursprünge des kulturellen Phänomens geleugnet werden, der kulturelle Aspekt respektlos behandelt wird oder die Verwendung des kulturellen Elements die ursprüngliche Kultur herabsetzt (417). Doch wer entscheidet, ob das Tragen von Kostümen respektlos oder herabsetzend gemeint ist? Mit Kleidung kommunizieren wir, so König (der Spiegel 2020). Dabei kann es passieren, dass die eigentliche Absicht eine völlig andere Wirkung bei Außenstehenden erzeugt (ebd.). Die Kostümierung kann von manchen als kränkend oder verletzend empfunden werden. Es kann passieren, dass sich Menschen durch ein Kostüm reduziert fühlen, sprich Diskriminierung (Ungleichbehandlung, Benachteiligung und/oder Herabwürdigung) erfahren. Gabriele Dafft führt, in Bezug darauf, folgendes Gedankenspiel an: „Wenn ich mich als Schwarzer verkleide und in der Bahn neben tatsächlichen Schwarzen stehe – wie fühle ich mich dann, wie fühlt sich das Gegenüber?“ (Stuttgarter Nachrichten 2020). Hinsichtlich der Frage, wie sich die Person, die mit einem Kostüm gemeint ist, fühlen würde, ist es nebensächlich, ob die Absicht des/der Kostümträgers:in positiver Natur war. Schließlich ist die ursprüngliche Intention für Außenstehende meist nur schwer erkennbar. Sowohl romantisierende als auch negative Stereotype bergen die Gefahr einer Generalisierung. Kostüme, die stereotypische Bilder vermitteln, so Marc Felix Serrao, vernachlässigen die komplexen Lebensrealitäten der Menschen (Neue Zürcher Zeitung 2019). Bereits Begriffe wie ‚Indianer‘ oder ‚Eskimo‘ gelten als überaus problematisch, da sie als koloniale Fremdbezeichnungen von europäischer Seite konstruiert wurden (taz 2019), um viele einzelne indigene Volksgruppen des nordamerikanischen Kontinents mit einer Bezeichnung zusammenzufassen. In Anbetracht der Verwendung der Begriffe und Kostümierungen stellt sich die Frage auf, ob die kolonialistische Geschichte in Deutschland ausreichend aufgearbeitet wurde bzw. wird. Viele kritische Stimmen würden diese Frage vermutlich verneinen.

Hinsichtlich der Frage, was ein angemessenes Kostüm ausmacht, lässt sich zusammenfassen, dass Rücksichtnahme auf die Mitmenschen und ein sensibler Umgang mit diesen von hoher Relevanz sind. Schließlich geht es auch um sensible Themen, wie beispielsweise um die eigene Identität und Identitätszuschreibungen von außen, um kollektive Erinnerungen oder auch um Alltagsrassismus. Kein Mensch ist frei von Stereotypen und Vorurteilen, umso wichtiger ist die Selbstreflexion diesbezüglich. Denn Stereotype und Vorurteile bilden die Grundlage für diskriminierende Verhaltensweisen. Meinungsfreiheit und künstlerische Freiheit sind wichtige Werte, die es zu bewahren gilt, jedoch nicht notwendigerweise auf Kosten anderer. Anstelle einseitig nur den eigenen Standpunkt zu vertreten, sollte stets versucht werden, sich auch in andere Perspektiven hineinzuversetzen und hierfür den Dialog auf Augenhöhe zu suchen. Dabei ist relevant den jeweils spezifischen Kontext und zugleich die Komplexität der Thematik miteinzubeziehen. „Kultursensibel, diskriminierungsfrei und vorurteilsbewusst“ sollte der Umgang, auch die Kostümauswahl betreffend, miteinander während der Faschingszeit sein, damit alle gleichermaßen Freude an dieser haben können (Neue Zürcher Zeitung 2019). Noa K. Ha ist sich jedenfalls sicher, dass die wandelnde Umgangsweise mit einigen Kostümen der Faschingszeit nicht schaden wird, da weiterhin vielfältige Kostüme getragen werden können, „die dem Leben mit Humor, Respekt und Toleranz begegnen – sei es als Spazierstock, Lachmöwe oder Musikkassette“ (Stuttgarter Nachrichten 2020).

 

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Autorin: LOIS RICHMANN

Dieser Artikel entstand im Zuge einer Seminararbeit und wurde von unserer Werkstudentin Lois Richmann verfasst.

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