Polizei und Geflüchtete im Dialog—Herausfordungen und Meilensteine

Anfängliche Stolpersteine unseres Projekts „Polizei und Geflüchtete im Dialog“ gab es viele. Beispielsweise stellte sich der Erstkontakt mit den potenziell am Projekt teilnehmenden Unterkünften als schwieriger heraus als erwartet. Besonders das Finden der jeweils richtigen Ansprechpartner:innen nahm viel Zeit in Anspruch. Zudem kamen viele der angesprochenen Unterkünften zunächst mit Zweifeln oder Unklarheiten auf uns zurück, die es aufzulösen galt. Schließlich konnten wir trotzdem mehr als die Hälfte aller Einrichtungen in München und im Landkreis für das Projekt gewinnen. 

 

Nach Maßnahmenstart standen wir dann weiteren herausfordernden Momenten gegenüber. Diese drehten sich vor allem rund um die Punkte Terminfindung und Teambildung. Sowohl die Polizei als auch die Geflüchteten sind beruflich, durch die Ausbildung oder durch familiäre Verpflichtungen zeitlich stark beansprucht, was ihre Verfügbarkeit für Veranstaltungseinsätze einschränkt. Das Finden von Terminen für gemeinsame Dialoge und Treffen brauchte entsprechend mehr Vorlaufzeit als zunächst angenommen. Dasselbe gilt zum Teil auch für die Flüchtlingsunterkünfte: Spontanität bei der Planung darf hier nicht als gegeben vorausgesetzt werden  – auch das haben wir dazugelernt. Häufig sind zum Beispiel Genehmigungen durch den jeweiligen Unterkunftsträger einzuholen, oder es muss vorab die Verfügbarkeit von geeigneten Räumen sichergestellt werden. 

 

Polizei in Uniform oder nicht?
Ein weiterer Punkt war die immer wieder auftretende Frage: “Uniform oder nicht?”. Tatsächlich gibt es sowohl für das Auftreten der Beamt:innen in Uniform als auch in Zivil Pro- und Contra-Argumente. Mit am zentralsten bei dieser Frage ist die Befürchtung, dass die Uniform abschreckend auf die Geflüchteten wirken und damit den Vertrauensaufbau behindern könnte. Diese Annahme ist natürlich berechtigt und tatsächlich haben wir immer wieder die Erfahrung gemacht, dass viele Zimmertüren geschlossen blieben, wenn die Beamt:innen in Dienstkleidung erschienen. Auf der anderen Seite steht das Argument der Transparenz: Während der gemeinsamen Aktivitäten muss zu jedem Zeitpunkt klargestellt sein, dass die Polizei vor Ort ist, um etwaige Täuschungsvorwürfe zu späterem Zeitpunkt zu vermeiden. Dies funktioniert wiederum am besten über äußerliche Merkmale wie die Kleidung. 

 

Die allergrößte Herausforderung für “Polizei und Geflüchtete im Dialog” ist und bleibt jedoch die Pandemie. Erst mit einem halben Jahr Verzögerung konnten wir in 2021 mit den ersten Veranstaltungen starten. Auch in der zweiten Jahreshälfte mussten coronabedingt zahlreiche geplante Veranstaltungen wieder abgesagt werden. Immer wieder auftretende Infektionsfälle und z.T. länger andauernde Quarantäneperioden haben den Veranstaltungsbetrieb in den Unterkünften spürbar ausgebremst. So konnten wir im Lauf des Jahres leider nur einen Bruchteil unseres Maßnahmenplans tatsächlich realisieren. Dies war schade sowohl für uns als Koordinationsteam als auch für die Kulturmoderator:innen und die Unterkunftsbewohner:innen. 

 

Erfolgserlebnisse von Polizei und Geflüchtete
Trotz allem können wir von zahlreichen Erfolgserlebnissen des Projekts berichten. Besonders erfreulich waren die vielen positiven Feedbacks der Geflüchteten. In der Folge der durchgeführten Veranstaltungen hat sich wiederholt gezeigt, dass die Teilnehmerinnen ganz klar Spaß an den gemeinsamen Aktionen mit den Kulturmoderator:innen hatten. Auch haben wir oft mit Freude über das große Interesse gestaunt, das die Teilnehmer:innen gegenüber den Polizeibeamt:innen an den Tag legten. 

Das offene Aufeinanderzugehen hat sowohl von der Polizei, als auch den Geflüchteten aus sehr gut funktioniert. Viele Bewohner:innen haben frei heraus Fragen an die Polizist:innen gestellt, und auch die Beamt:innen waren stets bemüht, auf die Teilnehmer:innen einzugehen und für die Fragen und vielleicht auch Probleme Aller ein offenes Ohr zu haben. 

Gemeinsame Fotos und Selfies mit den Kulturmoderator:innen wurden des öfteren auch zum wichtigen Programmpunkt – Spaß muss schließlich sein. 

Schön war es außerdem zu beobachten, dass vonseiten der Teilnehmer:innen mitunter bereits Wünsche für konkrete Programmpunkte für Folgeveranstaltungen geäußert wurden.

 

Was passiert als nächstes? Planung und Aussicht 2022
Im Projektjahr 2022 möchten wir mit rund 200 geplanten Veranstaltungen ins Rennen gehen. Etwa die Hälfte davon sollen inhaltliche Einheiten zu ausgewählten Präventionsthemen sein. 

Im Lauf des Jahres wird sich unser Kulturmoderator:innen-Pool außerdem vergrößern, indem sich weitere Polizist:innen und Migrant:innen, die Lust auf dieses tolle Projekt haben, von BrückenBauen zu Workshopleiter:innen qualifizieren lassen. Als Effekt erhoffen wir uns eine größere Flexibilität bei der Maßnahmenplanung und noch mehr Vernetzung innerhalb des Teams. Langfristiges Ziel soll außerdem sein, dass die Planung von Veranstaltungen mehr und mehr in die Hände der Kulturmoderator:innen selbst übergeht – innerhalb der Arbeitsgruppe und im kontinuierlichen Austausch mit den Unterkunftsvertreter:innen vor Ort. 

 

Gleichzeitig wird “Polizei und Geflüchtete im Dialog” mit ersten Veranstaltungen an den zwei neuen Standorten Augsburg und Oberfranken anlaufen. 

 

Erfahrungsberichte
Veranstaltungsbeispiele & Best Practices
Pflanzprojekt: Kulturmodeator:innen und Bewohner:innen verschönern gemeinsam den Unterkunftsgarten

Im August 2021 traf man sich bei sommerlichen Temperaturen im gemütlichen kleinen Außenbereich der dezentralen Unterkunft in der Münchner Blumenstraße. Bei Limonade, Honigmelone und Knabbereien begegneten sich ein vierköpfiges Kulturmoderator:innen-Team, bestehend aus zwei Jugendbeamt:innen der Polizeiinspektion 11, Amer aus Syrien und Sophie aus dem Senegal, und eine Gruppe von rund 15 Unterkunftsbewohner:innen zum ersten Mal. 

Der Plan: Gemeinsam den Innenhof verschönern. Die Ausrüstung: Pflanztöpfchen in verschiedenen Größen, Blumenerde, Kräuter- und Blumensamen, kleine Chili- und Tomatenpflanzen, Handschuhe, Gießkanne und Schaufeln. 

Über zwei Nachmittagsstunden hinweg wurde fleißig geschaufelt, gesät, umgetopft und gegossen – und zwar als Team. Während der Arbeit war natürlich genügend Zeit für Austausch zwischen den Jugendbeamt:innen und den Bewohner:innen, und tatsächlich gab es viele neugierige Fragen an die beiden Polizist:innen. 

Da zusätzlich eine Tischtennisplatte zur Verfügung stand, wurde diese als Belohnung für die getane Arbeit auch gleich ausprobiert – im Duell Polizei gegen Geflüchtete dürfte dies wohl ihre Premiere gewesen sein.

 

Smalltalk mit der Polizei bei Hähnchen und arabischer Musik?
Ja, das geht!
Zusammen mit zwei Kulturmoderator:innen haben wir im Sommer einen Grillnachmittag im Hof der Männer-Gemeinschaftsunterkunft Meindlstraße organisiert. Um 16 Uhr ging es los: Grill anheizen, Biertische aufstellen, Gemüsebeilagen schnippeln, Brot und Teller bereitstellen, noch schnell Getränke für alle einkaufen und Musikboxen organisieren. Und dann – warten auf die ersten Bewohner und auf das Ende des Regenschauers. 

 

Pünktlich um 17 Uhr – zum offiziellen Veranstaltungsbeginn – verzogen sich die Wolken, und die ersten neugierigen Teilnehmer stießen zum BrückenBauen-Team, den Kulturmoderator:innen (Robert von der Sendlinger Kontaktbereichspolizei und Amer aus Syrien) und den fleißigen Grillmeistern und Unterstützer:innen vom ASB. 

Sobald das Fleisch auf dem Grill so richtig zu duften begann, wurde es im Hof immer belebter. Und siehe da: bald hatten sich draußen rund 40 Personen versammelt. Gut, dass auch das Essen bereit war: Es konnte losgehen. 

Knapp zwei Stunden lang wurde bei guter Stimmung gegessen, getrunken und viel miteinander gesprochen. Auch durften an diesem Nachmittag auf keinen Fall Selfies mit dem Kulturmoderator:innen-Duo fehlen. Spaß hatten alle, sowohl wir als Organisationsteam, Robert und Amer, allen voran aber wahrscheinlich die Bewohner. 

Wer hatte schließlich schonmal das Erlebnis, gemütlich mit der Polizei zu grillen? 

Der durchgängige Tenor in der Teilnehmer:innengruppe: Das müssen wir so bald wie möglich wieder machen! 

Die Quintessenz dieser Veranstaltung war eindeutig: Auch Vertrauensaufbau kann durch den Magen gehen. 

“Wie ist das eigentlich, wenn …?”- Offene Frage-und-Antwort-Stunde für Jugendliche und junge Erwachsene 
Dieses Format haben wir in verschiedenen Unterkünften ausprobiert und stets gute Erfahrungen gemacht. Besonders interessant war eine Veranstaltung im September im Münchner Wohnprojekt Berg-am-Laim-Straße, mit der wir gezielt jugendliche und junge Erwachsene Bewohner:innen ansprechen wollten. 

Mit am Start waren unsere beiden Kulturmoderator:innen Flo von der Jugendpolizei Perlach und Esmeralda aus Venezuela. Bei Getränken und Knabbereien im Kickerraum hatten die rund 20 Teilnehmenden Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Fragen an die Polizei zu stellen. 

Und die Fragen waren zahlreich: Welche Voraussetzungen brauche ich, um in Deutschland Polizist zu werden?, Darf ich in der U-Bahn das Teppichmesser, das ich in der Arbeit verwende, überhaupt dabei haben?, Wann darf die Polizei Pfefferspray einsetzen?, Wird man sofort verhaftet, wenn man mit Drogen oder beim Dealen erwischt wird?, Wie lange dauert die Polizeiausbildung in Deutschland?, Seit wann dürfen in Deutschland eigentlich auch Frauen bei der Polizei arbeiten?, und und und …

Unser Eindruck war, dass alle Beteiligten an der Veranstaltung Gefallen fanden. Die Jugendlichen, da sie durch den lockeren Austausch mit Flo viel neues dazulernen konnten. Und natürlich auch die Kulturmoderator:innen, da auch sie viel über die Gruppe der neugierigen Fragensteller:innen und das, was sie bewegt, erfahren haben. Formate dieser Art sollte man unbedingt öfter anbieten, meinte Betreuer Marius. Absolut – das nächste Mal dann vielleicht auch zusammen mit Eltern und ältere Bewohner:innen. 

 

Jetzt heißt es gesetzeskonform handeln – aber wie?
Rollentausch-Workshop
Bei unserem ersten richtigen Präventionsworkshop, den wir im November in Taufkirchen durchführten, wurde den Kulturmoderator:innen und den Teilnehmenden einiges an Schauspielkunst abverlangt. Auf dem Programm stand nämlich die Übung “Rollentausch”, angeleitet von Jugendbeamtin Sandra und zwei Kulturmoderator:innen mit Migrationsgeschichte. 

Die Szenerie war folgende: An einer Bushaltestelle beginnen eine Frau und ein Mann einen Streit, da der Mann die Frau beschuldigt, ihn heimlich mehrfach fotografiert zu haben. Als die Auseinandersetzung zu eskalieren beginnt, schreitet ein Polizist:innen-Team ein und löst die Situation auf. 

Die Polizist:innen wurden gespielt von teilnehmenden Geflüchteten, die während ihres Einsatzes sogar eine echte Uniform tragen durften. In ihrer Rolle als Beamt:innen waren sie völlig auf sich allein gestellt und mussten die Richtigkeit ihres spontanen polizeilichen Handelns selbst einschätzen. Nach Ende des Rollenspiels wurde die Szene in der Gruppe reflektiert und Jugendbeamtin Sandra erklärte, in welchen Punkten das Verhalten der beiden “Polizisten” korrekt oder auch weniger korrekt war. 

Daraus ergaben sich wiederum vielfältige Anschlussfragen und es wurde ein kurzweiliger Abend.. 

Lust auf Runde zwei? Keine Sorge, die lässt sicher nicht lang auf sich warten! 

 

Presse

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"Polizei und Geflüchtete im Dialog"

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